Résumé
Vor genau hundert Jahren, kurz nach dem Ende des deutschen Kolonialreichs, verwendete Heinrich Schnee zum ersten Mal den Ausdruck „koloniale Schuldlüge“ . Damit spielte der ehemalige Gouverneur von Deutsch-Ostafrika auf die seiner Meinung nach ungerechte Entscheidung des Versailler Vertrags an, der den Deutschen ihre Kolonien entzogen hatte, weil sie unfähig gewesen seien, sie richtig zu verwalten. Indem Schnee den Alliierten Lügen unterstellte, bereitete er den Weg für den Kolonialrevisionismus, der in der Weimarer Republik und später in der NS-Diktatur wiederum (Selbst)lügen und alternative (Un)wahrheiten propagieren sollte. Das breite Spannungsfeld der damaligen Stellungnahmen reichte von der bloßen nostalgischen Verklärung der ehemaligen Kolonien über die aggressive Forderung nach ihrer Rückeroberung bis hin zur schlichten Leugnung ihres Verlusts.An der Université de La Réunion enthalten die Bestände des Fonds Polényk mehrere Dutzend Bücher, die zahlreiche Facetten dieses „Kolonialismus ohne Kolonien“ aufzeigen. Ausgehend von dieser privaten Sammlung soll ein besonderer Fokus auf die Beziehungen zwischen den verlorenen deutschen Kolonien und einer deutschen Jugend, die sie nie kennengelernt hat, gelegt werden. Wie wurde der koloniale Gedanke kurz nach dem Versailler Vertrag unter der deutschen Jugend verbreitet? Und wie kann hundert Jahre später die damalige Kolonialfrage von deutsch-französischen Studierenden wieder aufgegriffen und im DaF-Unterricht behandelt werden? Der Fonds Polényk liefert extreme Beispiele für Manipulation und Propaganda, die noch vor wenigen Jahrzehnten wirksam waren. Er lädt aber auch dazu ein, deren Mechanismen zu entlarven und der Jugend des 21. Jahrhunderts die kritischen Werkzeuge an die Hand zu geben, die eben den früheren Generationen wissentlich vorenthalten wurden. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei dem 2022 gegründeten deutsch-französischen Studiengang „Franko-Germanistische Studien: Deutschsprachiger Raum und Überseefrankreich“ gewidmet werden. Auf der Insel Réunion, auch einer ehemaligen (französischen) Kolonie, arbeiten nun deutsche und französische Studierende gemeinsam über die koloniale Vergangenheit ihrer Länder und deren schwierigen Umgang mit kolonialen Wunschträumen und gegenseitigen Lügenunterstellungen.